In der Todeszelle meines Gedankengefängnisses

Gitter

Achtung: Trigger für SM Gefährdete

Manchmal fühlt sich meine Depressionen so an, als säße ich in meinem Gedankengefängnis in der Todeszelle. Zum Tode verurteilt vom eigenen inneren Richter, nach Gesetzen, die nur für mich gelten.

In der Anklageschrift sprang einem das Wort Versagen auf jeder Seite mehrfach ins Auge. Verschärfend kamen grenzenlose Faulheit, Leistungsverweigerung und Undankbarkeit dazu. Da blieb nach der Logik meines inneren Tribunals gar keine andere Möglichkeit, als die Todesstrafe zu verhängen.

Vor diesem Gericht stand ich schon so oft. In früheren Zeiten reichten körperliche Bestrafungen wie das Verabreichen von Schnittwunden und Bissen. Aber, da ich ja nicht einsichtig bin und immer wieder rückfällig werde, sitze ich nun im Todestrakt. Und warte. Und warte.

Aber nicht darauf, dass von außen vollstreckt wird. Ich hab ja jede Menge Personal in meinem Hirn. Und natürlich gibt es auch einen Vollstrecker.

Manchmal höre ich seine Schritte von weitem. Er wird von meinen schlechten Gedanken angezogen. Je düsterer die Gedanken, um so näher kann er kommen. Aber vollstrecken, vollstrecken kann er nur, wenn ich mich ihm gemeinsame Sache mache.

Manchmal steht er auch schon in der Tür und plaudert mit mir. Dann reden wir darüber, welche Todesart ich denn befürworten würde.

Manchmal gibt er mir gute Tipps was ich vorher noch alles erledigen sollte. Denn egal welche Frage ich ihm stelle, die Antwort ist immer die Gleiche: stirb, dann hast du es hinter dir.

Nur ein einziger Hinweis lässt ihn verstummen. Egal wie schlimm es ist, das Leben meine Kinder würde es unglaublich belasten. Oft zieht er sich dann wieder zurück.

Aber auch wenn er schon in der Tür steht, ist er noch kompromissbereit und hat bisher noch immer zugestimmt, die Exekution aufzuschieben. Weil er weiß, dass der Tag sowieso kommt? Oder weil es für ihn keine Rolle spielt? Ob Leben oder Sterben, er ist ja ein Teil von mir.

Oft rettet mich der Hinweis, dass ich ja bald noch einen Termin mit meiner Verteidigerin aka Therapeutin habe. Sie erarbeitet mit mir Eingaben an den Richter, führt mildernde Umstände ins Feld und spricht von guten Prognosen. Für Momente in denen der Vollstrecker schon über die Schwelle treten will, für diese Momente habe ich ihre Handynummer.

Dennoch. Ich sitze in der Todeszelle. Mein innerer Richter ist (noch) nicht bereit den Argumenten meiner Verteidigerin zu folgen. Vielleicht weil er schon so alt ist. Vielleicht weil er in unserer Familie seit Generationen dieses Amt versieht und davon nicht lassen will.

Dann bleibt nur noch die Hoffnung, dass der nächste Richter gnädiger sein wird.

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2 Kommentare zu “In der Todeszelle meines Gedankengefängnisses

  1. Schon gestern habe ich Deinen Text gelesen und er lässt mich bis jetzt nicht los.
    Ich fühle so mit dir, denn du beschreibst meine Depression und Resignation. Auch mich hält nur der Gedanke an mein Kind.
    Ich würde Dir so gerne durch die richtigen Worte helfen, mich mit Dir austauschen, Dich etwas stärken. Aber im Moment kann ich Dir nur eine Umarmung schicken.
    Lass dich nicht auf Deinen Vollstrecker ein, gib nicht auf und denke immer an Deine Kinder, sie brauchen Dich!
    Marie

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    • Liebe Marie,

      eine Schwester im Geiste zu haben ist schön. Zu wissen, dass auch andere Menschen dieses Gefängnis kennen und sich widersetzen.
      Schicke eine Umarmung zurück.
      Pass auf dich auf.
      Dein Brunnenkind

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