Vom achtsamen Umgang mit Zitronen

Zitrone

 

„Was ist das“ fragt unsere Achtsamkeits-Therapeutin und hält ein Bild hoch.
Eine Zitrone ganz klar. „Und was kann man damit machen“ lautet die 2. Frage.
Naja auch ganz klar: auspressen, Schale abreiben, schneiden und in den Tee tun usw.

Dann fragt sie: „stimmt das? Kann man das mit dieser Zitrone?“ OK jetzt dämmert es uns. Nein, mit dieser Zitrone kann man das nicht. Diese Zitrone existiert nur auf dem Papier. Dennoch hat ihr Anblick bei uns allen Vorstellungen und auch körperliche Reaktionen ausgelöst, wie ein saueres Empfinden im Mund, vielleicht ein Zusammenziehen der Backen, das Zusammenlaufen von Speichel.

Ok. 1. Lektion gelernt.

Unser Gehirn unterscheidet nicht unbedingt zwischen Vorstellung und Realität.

Danach folgen 2 Übungen:

Übung 1:

Nun sollen wir alle die Augen schließen und bekommen ein Objekt in die Hand (klar, ihr wisst es natürlich gleich, es ist eine Zitrone, aber für die Übung ist es erst mal ein Objekt).

Das Objekt sollen wir nun mit unserem Tastsinn erforschen. Wie fühlt sich das Objekt an, welche Form hat es, wie ist die Oberfläche beschaffen, welche Temperatur hat es. Generell, was bemerken wir.

Am Ende sammelt die Therapeutin die Zitronen wieder ein. Die meisten Teilnehmerinnen* berichten, dass sie „ihre“ Zitrone ungern wieder hergegeben haben. Für uns alle unbegreiflich, hat die Übung doch mal gerade 2. Minuten Zeit in Anspruch genommen. Uns kam es doppelt so lange vor.

Übung 2:

Wieder schließen wir die Augen und bekommen eine Zitrone. Die Therapeutin fragt: „Ist es die, die sie beim letzten Mal hatten?“ Gemurmel entsteht. Nein, keiner hat „seine“ Zitrone erwischt. Ich spüre es schon direkt ohne abtasten. Diese ist viel schwerer und beim weiteren Hinspüren hat sie auch nicht die Merkmale, die „meine“ Zitrone hatte.
Wir alle haben ein „Bild“ von „unserer“ Zitrone im Kopf, von der Konsistenz, dem Gewicht, der Temperatur.

Diese Übungen führen zur 2. Lektion

Es gibt (in diesem Fall) zwei Ebenen der Wahrnehmung:

Die intellektuelle Ebene. Auf der laufen die Dinge:

  • schnell
  • automatisch
  • ohne großen Aufwand ab

Ich sehe, und denke ich weiß Bescheid.

Auf der sinnlichen Ebene läuft es

  • nicht automatisch sondern bewusst ab
  • nicht schnell
  • weniger bewertend, mehr fühlend

Die beiden Ebenen sind gleichwertig, aber oft nutzen wir nur die intellektuelle und sind meistens im Kopf. Was dabei in unserem Körper geschieht, nehmen wir oft nicht wahr, da die visuelle Wahrnehmung oft die Wahrnehmung der anderen Sinne überlagert.

Die Achtsamkeit versucht hier das Gleichgewicht wieder herzustellen.

Simple Übung und ein großer Erkenntnisgewinn, der durch das Durchspielen eine viel stärkere Wirkung hat, als wenn ich nur irgendeine Theorie zwischen sinnlicher und intellektueller Ebene gelesen hätte, und das unser Sehen oft die anderen Sinne komplett überlagert, und so nur ein einseitiges Bild zeichnet.

Mit Zitronen-erleuchteten Grüßen

Euer Brunnenkind

PS: Zum Mittagessen gab es Fisch. Mit Zitrone. Und glaubt es oder nicht, mein 1. Gedanke war. Oh je, sie haben sie zerschnitten, die arme Zitrone.

 

 

*statt generischem Maskulinum verwende ich generisches Femininum 🙂

Merken

Advertisements

Ein Kommentar zu “Vom achtsamen Umgang mit Zitronen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s