Das innere Fotoalbum und die Selbstkompetenz

Nikolaus

„Blättern Sie in ihrem inneren Fotoalbum so lange zurück, bis ihr Blick an einem Foto hängenbleibt. Schauen Sie sich das Foto genau an: Wie alt sind Sie, wer ist noch auf dem Foto, welche Jahreszeit und welche Tageszeit ist es? Welchen Gesichtsausdruck haben Sie?“

Keine schwierige Aufgabe, die meinen Mitpatientinnen und mir in der Gruppentherapiestunde gestellt wird. Was soll schon beim Blättern in einem Fotoalbum passieren.

Wahrscheinlich eher weniger, wenn man zuhause auf dem Sofa sitzt und durch die Alben blättert. Aber bei mir geht es schon los, als sich mir ein Bild aufdrängt:

Es zeigt mich im Alter von ca. 4 Jahren, ich stehe bei uns im Wohnzimmer und habe einen riesigen Weihnachtsmann im Arm. Sofort schießen mir die Tränen in die Augen. Ich sehe welche strahlenden Augen ich damals hatte. Denke daran, dass mein Leben noch vor mir lag und wie ich es (gefühlt) seitdem in den Sand gesetzt habe. Mein innerer Kritiker jubelt, ich hab ihm die Tür weit aufgemacht und er kann sich die nächsten Minuten mal wieder so richtig austoben.

Nach und nach erzählt jeder in der Runde von seinem Foto. Der Therapeut fragt einfühlsam nach, und die Runde kann sich die Fotos gut vorstellen und lernt die Gruppenkolleginnen besser kennen.

Weil ich dieses Mal nicht zu den braven Patienten gehören will und die erdrückende Stille aushalten möchte, die sich immer dann ergibt, wenn der nächste Freiwillige sich zu Wort melden soll, schweige ich auch dann noch, als nur noch ein weiterer Teilnehmer und ich übrig sind. Fühlt sich wie ein Machtkampf an, ist es irgendwie auch. Ich gewinne. Der anderen Teilnehmer fordert mich mit den Worten auf: Ladies first und ich sage nur: nee, heute nicht. Hört sich jetzt kleinlich und doof an, aber für mich ist es ein Fortschritt. Ich konnte Druck standhalten und mich in der Gruppe und beim Therapeuten (gefühlt) unbeliebt machen.

Als ich dran bin, beschreibe ich mein Foto. Der Therapeut fragt nach: was ich angehabt habe und ob ich lange Haare gehabt hätte. Meine Antwort, ein verächtliches Schnauben. Mir wurden die Haare schon als Kind kurz geschnitten und Kleidchen hatte ich ganz ganz selten an. Und auch das tut weh. Rührt es doch an das Gefühl, kein Mädchen sein zu sollen.

Während der ganzen Runde hatte ich mir schon Gedanken dazu gemacht, was das Spielchen eigentlich sollte. Und die Erklärung, die ich mir gegeben hatte, war dann auch richtig. Bilder die auftauchen sind meist positiv. Sie erinnern an glückliche Zeiten. In dieses Gefühl sollen wir uns nun also reinversetzen und die Person auf dem Foto fragen, was sie uns heute als Ratschlag mitgeben würde. Aus ihrer Perspektive, aber mit dem Wissen wie man heute ist.

Mein Humor ist mir noch nicht ganz abhanden gekommen, und so ist meine erste spontane Antwort:

Glaub nicht an den Weihnachtsmann

Und die zweite:

Finde raus, was du wirklich willst.

Unsere Antworten kommentiert der Therapeut mit der Feststellung ,dass wir alle noch Zugang zu unseren inneren Lösungen und eine hohe Selbstkompetenz haben.

Fazit: Die Stunde war sehr anstrengend, aber auch extrem interessant.

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