Eine achtsame Schneekönigin

Baeume

Achtsamkeit ist eine wunderbare Technik, die beim Heilungsprozeß sehr unterstützend sein kann.
In beiden Kliniken stand daher nicht ganz überraschend Achtsamkeit auch auf dem Therapieplan.

Mit Übungen zur Achtsamkeit startet hier jeder Therapietag. An 4 Tagen der Woche trifft man sich dazu im Therapieraum, aber Mittwochs geht es nach draußen.

Eingepackt in dicke Jacken stehen wir im Kreis und sollen einen Zettel ziehen. Auf meinem steht: Rhythmus. Aha. Und nun?

Nun sollen wir achtsam durch die Natur wandern und wahrnehmen, was uns zu „unserem“ Begriff einfällt und welche Assoziationen die uns umgebende Natur auslöst, wahrnehmen was unsere Gedanken im Körper auslösen und wie immer bei Achtsamkeit, das Alles ohne Druck und Zwang. Kein Anstarren der Bäume mit dem Gedanken: dir muss jetzt was Kluges einfallen, los.

Glücklicherweise bin ich mit Achtsamkeit, als auch mit Gehmeditation vertraut, und so gehe ich nicht in meinem normalen Gehtempo los, sondern bewusst. Achte auf meinen Körper beim Gehen: wie rollen die Füße ab, wie bewegen sich die Beine, wie das Becken, wie schlenkern die Arme. Wie so oft löst das beobachtende Gehen mehrfach ein Stolpern aus, denn es ist schwierig diesen automatisierten Gehprozess einfach nur zu beobachten.

Aber ich genieße es. Quasi als Aufgabe zu entschleunigen. Mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen, bzw. andere Bilder als sonst wahrzunehmen.

Rhythmus: die ersten Gedanken sind sehr naheliegend. Wo kann man einen regelmäßigen Wechsel so gut beobachten wie in der Natur mit ihren Jahreszeiten.
Rhythmus als Zusammenspiel zwischen innerem Programm, in diesem Fall der Bäume und den äußeren Gegebenheiten wie Hitze, Kälte, Feuchtigkeit, Dürre.

Ich bleibe stehen und vertiefe mich in den Anblick einer Tanne. Ein leichter Wind bewegt die Zweige. Ohne die Übung hätte ich die Bewegung nicht wahrgenommen und auch nicht, dass manche Zweige eine so große Schneelast tragen. Die Last ist so schwer, dass sie sich dem Rhythmus des Windes nicht hingeben können.
Klar, unter Last geht die eigene Beweglichkeit flöten. Aber ist es beim Baum überhaupt eigene Beweglichkeit. Der Wind bewegt ihn ja von außen. Die Last die er trägt verhindert, dass er sich der Bewegung hingeben kann. Ein Gedanke löst den anderen aus und es ist wohltuend quasi zuzuschauen wie Gedanken entstehen und dann wieder gehen.

Das achtsame Gehen in der verschneiten Landschaft, und die Ruhe um mich herum, tun unendlich gut. In solchen Momenten frage ich mich, warum es eine Klinik und einen Programmpunkt und eine Anleitung braucht, um etwas so Schönes zu erfahren. Etwas, dass mich tief im Inneren berührt, mir für diese Zeitspanne Frieden schenkt.

Aber auch diesen Gedanken lasse ich ziehen, bzw. nutze ihn nicht, um in meinem Kopf eine Lawine an Selbstvorwürfen loszutreten nach dem Motto:
zuhause schaffst du das ja doch nicht
du gibst immer viel zu schnell auf
nie bleibst du an etwas dran

„Nie“ und „immer“ ins Auge. Killerwörter, die ich auch ziehen lassen kann. Dieses Mal. Ob es beim nächsten Mal auch wieder klappt spielt jetzt und hier keine Rolle. Statt dessen freue ich mich weiter, dass ich es wahrnehmen kann, wie gut es mir tut – und nichts anderes zählt im Moment. Und auch diesen Gedanken lasse ich weiterziehen. So gehe ich noch einige Zeit, bin mir meines Körpers, meiner Gedanken, meiner Atmung und der Umgebung um mich herum gewahr und freue mich wie eine kleine Schneekönigin.

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